{"id":331,"date":"2012-01-19T11:59:18","date_gmt":"2012-01-19T09:59:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.urban-studies.eu\/?p=331"},"modified":"2012-01-19T11:59:18","modified_gmt":"2012-01-19T09:59:18","slug":"confrep-diaspora-as-a-resource-comparative-studies-in-strategies-networks-and-urban-space-german","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/?p=331","title":{"rendered":"ConfRep: Diaspora as a Resource: Comparative Studies in Strategies, Networks and Urban Space (German)"},"content":{"rendered":"<p>Institut f\u00fcr Ethnologie, Universit\u00e4t Hamburg<br \/>\n04.06.2010-06.06.2010, Hamburg<\/p>\n<p>Bericht von:<br \/>\nRamona Lenz, Zentrum f\u00fcr Mittelmeerstudien, Ruhr-Universit\u00e4t Bochum<br \/>\nE-Mail: <ramona.lenz@rub.de><\/p>\n<p>Es war die dritte Konferenz in zehn Jahren zum Thema Diaspora, die das<br \/>\nInstitut f\u00fcr Ethnologie der Universit\u00e4t Hamburg vom 4. bis 6. Juni 2010<br \/>\nim Warburg Haus ausrichtete. In ihrer Einf\u00fchrung zur diesj\u00e4hrigen<br \/>\nKonferenz unter dem Titel &#8220;Diaspora as a Resource: Comparative Studies<br \/>\nin Strategies, Networks and Urban Space&#8221; lie\u00df WALTRAUD KOKOT (Hamburg),<br \/>\ndie Leiterin des Forschungsprojektes &#8220;DiaspoRes &#8211; Diaspora as a<br \/>\nResource&#8221;, die Diaspora-Forschung der letzten beiden Jahrzehnte Revue<br \/>\npassieren. Dabei nahm sie das Erscheinen der ersten Ausgabe der<br \/>\nZeitschrift &#8220;Diaspora&#8221; in 1991, die eng mit dem Namen ihres Herausgebers<br \/>\nKhachig T\u00f6l\u00f6lyan verbunden ist, zum Ausgangspunkt. In der ersten Dekade<br \/>\nder anthropologischen Diasporaforschung sei es fast ausschlie\u00dflich um<br \/>\nIdentit\u00e4tsfragen gegangen. \u00d6konomische und soziale Netzwerke seien nicht<br \/>\nber\u00fccksichtigt worden, und es habe keinerlei Theoriebildung<br \/>\nstattgefunden. Parallel habe sich nahezu unbemerkt von der Anthropologie<br \/>\ndie Diaspora-Forschung in Disziplinen wie Politologie und<br \/>\nWirtschaftswissenschaften weiterentwickelt. Zudem h\u00e4tten im Zuge<br \/>\npostmoderner Theoriebildung angrenzende Begriffe wie beispielsweise<br \/>\nHybridit\u00e4t an Bedeutung gewonnen und die Rhetorik der Aufl\u00f6sung<br \/>\n\u00f6rtlicher Bindungen sei dominant geworden, wovon sich die Hamburger<br \/>\nDiaspora-Forschung mit ihrem Fokus auf Lokalit\u00e4t distanziert habe.<\/p>\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen, von verschiedenen Disziplinen betriebenen<br \/>\nDiaspora-Forschung machte Kokot verschiedene Schwerpunkte aus. Zum einen<br \/>\nwerde der Beitrag untersucht, den Diasporas einerseits f\u00fcr ihr<br \/>\nHerkunftsland und andererseits f\u00fcr die Gesellschaften leisten, in denen<br \/>\nsie leben. Zum anderen werde &#8211; vorwiegend von den<br \/>\nWirtschaftswissenschaften  und Wirtschaftsethnologie &#8211; ethnisches<br \/>\nUnternehmertum erforscht, wobei zunehmend mit dem Konzept der &#8220;middleman<br \/>\nminorities&#8221; gearbeitet werde. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrden vermehrt Netzwerke<br \/>\nund Wertsysteme fokussiert. Vor allem in den Geschichtswissenschaften<br \/>\nw\u00fcrden au\u00dferdem Einzelfall- oder vergleichende Studien \u00fcber<br \/>\nHandelsdiasporas erstellt. In Stadtanthropologie und Stadtgeschichte<br \/>\nlasse sich hingegen ein zunehmendes Interesse an &#8220;Diaspora-St\u00e4dten&#8221;<br \/>\nfeststellen. <\/p>\n<p>F\u00fcr die zuk\u00fcnftige Diaspora-Forschung hielt Kokot es f\u00fcr wichtig,<br \/>\nweniger die Opferrolle als den Erfolg von Diaspora-Gemeinschaften ins<br \/>\nZentrum zu stellen. Angesichts der Vielfalt von Diaspora-Situationen<br \/>\nschlug sie vor, keine allgemein g\u00fcltige Diaspora-Definition<br \/>\nvorauszusetzen, sondern sich pragmatisch auf Selbstdefinitionen zu<br \/>\nbeziehen.<\/p>\n<p>Auch KHACHIG T\u00d6L\u00d6LYAN (Middletown, CT) warf in seinem Er\u00f6ffnungsvortrag<br \/>\nzun\u00e4chst einen Blick zur\u00fcck. Bis Mitte der 1990er-Jahre h\u00e4tten sich in<br \/>\nden USA nur Vertreter\/-innen der postkolonialen Literaturwissenschaften<br \/>\nund der Anthropologie f\u00fcr die von ihm 1991 erstmals herausgegebene<br \/>\nZeitschrift &#8220;Diaspora&#8221; interessiert. Erst 1996 habe auch die Soziologie<br \/>\nsich langsam f\u00fcr das Thema ge\u00f6ffnet. Seither habe es gro\u00dfe Ver\u00e4nderungen<br \/>\ngegeben. In den 1990er- Jahren sei es nicht nur unter<br \/>\nWissenschaftler\/-innen verschiedener Disziplinen, sondern auch unter<br \/>\nK\u00fcnstler\/-innen, Kulturproduzenten und -produzentinnen und<br \/>\nPolitiker\/-innen Mode geworden, \u00fcber alle verstreut lebenden<br \/>\nGemeinschaften als Diasporas zu sprechen. Lege man einen derart<br \/>\nerweiterten Diaspora-Begriff zugrunde, lebe die H\u00e4lfte der<br \/>\nWeltbev\u00f6lkerung in der Diaspora. <\/p>\n<p>Trotz seiner Kritik an einem allzu umfassenden Diaspora-Begriff,<br \/>\nlieferte T\u00f6l\u00f6lyan keine eindeutige Definition, sondern hielt fest, dass<br \/>\nMenschen &#8211; abh\u00e4ngig von der Situation, in der sie leben &#8211; zwischen<br \/>\nverschiedenen Zugeh\u00f6rigkeiten wechseln. Auch das Verh\u00e4ltnis der Diaspora<br \/>\nzum Herkunftsland \u00e4ndere sich entsprechend. So erw\u00fcrben Armenier\/-innen<br \/>\naus Iran und Libanon aufgrund der instabilen politischen Situation in<br \/>\nihren L\u00e4ndern deutlich h\u00e4ufiger Immobilien in Armenien als<br \/>\nArmenier\/-innen, die in den USA leben.<\/p>\n<p>Mit JANET TAI LANDA (Toronto), die den zweiten Er\u00f6ffnungsvortrag hielt,<br \/>\nkam eine Wirtschaftswissenschaftlerin an prominenter Stelle zu Wort. Auf<br \/>\nder Grundlage ihrer ethnographischen Forschung \u00fcber chinesische<br \/>\n&#8220;middleman diasporas&#8221; in S\u00fcdostasien stellte sie ihr Konzept der<br \/>\n&#8220;ethnically homogeneous middleman groups (EHMG)&#8221; vor. Tai Landa bekannte<br \/>\nsich dabei zu einem essentialistischen Verst\u00e4ndnis von Ethnizit\u00e4t und<br \/>\nbezog sich zudem auf das evolutionstheoretische Konzept der<br \/>\nGruppenselektion und die &#8220;rational choice theory&#8221;. &#8220;Ethnic trade<br \/>\ndiasporas (ETD)&#8221; definierte sie dementsprechend als Netzwerke ethnisch<br \/>\nhomogener Gemeinschaften, die durch eine funktionale Arbeitsteilung<br \/>\nverbunden sind und deren Erfolg auf dem Ausstechen anderer Gruppen im<br \/>\nWettbewerb beruht. Sie betonte, dass der auf Verwandtschaft, Ethnizit\u00e4t<br \/>\nund\/oder Religion basierende Zusammenhalt der Diasporamitglieder mit der<br \/>\nzunehmenden Seltenheit und dem steigenden Wert der gehandelten Waren<br \/>\nsowie mit dem erh\u00f6hten Bedarf an Vertrauen (z.B. bei kriminellen<br \/>\nHandlungen) st\u00e4rker werde. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend ihre beiden Vorredner\/-innen einen eher vorsichtigen Umgang mit<br \/>\nder Kategorie Diaspora erkennen lie\u00dfen &#8211; Kokot, indem sie daf\u00fcr<br \/>\npl\u00e4dierte, die Selbstdefinition der Untersuchten Ernst zu nehmen, und<br \/>\nT\u00f6l\u00f6lyan, indem er die Kontextabh\u00e4ngigkeit von Zugeh\u00f6rigkeiten betonte &#8211;<br \/>\nlegte Tai Landa mithilfe von Versatzst\u00fccken aus unterschiedlichen<br \/>\ntheoretischen Konzepten verschiedener Disziplinen eine Definition von<br \/>\nDiaspora vor, die wenig Raum f\u00fcr Ambivalenzen und Wandelbarkeit lie\u00df.<\/p>\n<p>Die chinesische Diaspora, die die empirische Grundlage von Tai Landas<br \/>\n\u00dcberlegungen darstellte, stand auch im Fokus einiger weiterer Vortr\u00e4ge.<br \/>\nWenn man nicht wie die Organisatoren und Organisatorinnen der Konferenz<br \/>\ndavon absieht, die Vortr\u00e4ge entlang von ethnischen Gruppen zu ordnen,<br \/>\nlassen sie sich folgenderma\u00dfen sortieren:  erstens Studien, die eine<br \/>\nDiaspora-Gemeinschaft an einem relativ klar bestimmten Ort in den Blick<br \/>\nnahmen: Chinesen und Chinesinnen  in S\u00fcdostasien (JANET TAI LANDA,<br \/>\nToronto), Malaysia (CHRISTIAN GIORDANO, Fribourg) und Serbien (MAJA<br \/>\nKORAC-SANDERSON, London), Taiwanesen und Taiwanesinnen in Kalifornien<br \/>\n(CHRISTINE AVENARIUS, Greenville, NC), Russen und Russinnen in Sofia<br \/>\n(MILENA BENOVSKA, Sofia), T\u00fcrken und T\u00fcrkinnen in Amsterdam (FLIP LINDO,<br \/>\nAmsterdam) und sephardische Juden und J\u00fcdinnen in Thessaloniki (RENA<br \/>\nMOLHO, Athen); zweitens Studien, die eine Diasporagemeinschaft in ihrer<br \/>\nVerbreitung \u00fcber mehrere L\u00e4nder thematisierten: pontische Griechen und<br \/>\nGriechinnen (EFTHIA VOUTIRA, Thessaloniki), Musiker\/-innen aus The<br \/>\nGambia (HAUKE DORSCH, Mainz) und Armenier\/-innen (KHACHIG T\u00d6L\u00d6LYAN,<br \/>\nMiddletown, CT); drittens Studien, die mehrere Diaspora-Gemeinschaften<br \/>\naufeinander bezogen: T\u00fcrken und T\u00fcrkinnen, Chinesen und Chinesinnen,<br \/>\nS\u00fcdasiaten und S\u00fcdasiatinnen in \u00d6sterreich (BERNHARD FUCHS\/MAX<br \/>\nLEIMST\u00c4TTER, Wien), Chinesen und Chinesinnen, Inder\/-innen,<br \/>\nAraber\/-innen, Europ\u00e4er\/-innen und Indigene in Indonesien (FREEK<br \/>\nCOLOMBIJN, Amsterdam), Juden und J\u00fcdinnen, Armenier\/-innen und<br \/>\nHugenotten und Hugenottinnen in der Geschichte (INA BAGHDIANTZ MACCABE,<br \/>\nMedford, MA).<\/p>\n<p>Das Absehen der Veranstalter\/-innen von einer solchen Sortierung ist<br \/>\nplausibel, insofern sie sich von einem essentialistischen Verst\u00e4ndnis<br \/>\nethnischer Zugeh\u00f6rigkeit abgrenzten und nicht danach fragen wollten, wie<br \/>\nDiaspora-Gemeinschaften ihre Identit\u00e4t in der Fremde bewahren. Es ging<br \/>\nihnen vielmehr darum, Diaspora-Gemeinschaften im Kontext der sozialen<br \/>\nund politischen Bedingungen in den L\u00e4ndern, in denen sie leben, zu sehen<br \/>\nund miteinander zu vergleichen. Um diese vergleichende Perspektive zu<br \/>\nerm\u00f6glichen, wurden die Vortr\u00e4ge daher nach quer liegenden<br \/>\nFragestellungen sortiert. Ohne dass sie im Tagungsprogramm so<br \/>\n\u00fcberschrieben worden w\u00e4ren &#8211; es wurde ganz auf eine explizite<br \/>\nthematische Gruppierung verzichtet -, wurden zun\u00e4chst Studien zum Thema<br \/>\nNetzwerke und ethnisches Unternehmertum vorgestellt (Tai Landa,<br \/>\nGiordano, Korac-Sanderson, Baghdiantz McCabe) und anschlie\u00dfend solche,<br \/>\ndie sich mit Identit\u00e4t befassten (Benvoska, Voutira). Im n\u00e4chsten Block<br \/>\nging es um Kulturproduktion &#8211; konkret um Musiker\/-innen &#8211; in der<br \/>\nDiaspora (Fuchs\/Leimst\u00e4ttner, Dorsch). Weitere Themenbl\u00f6cke ergaben sich<br \/>\nunter den (impliziten) \u00dcberschriften Religion (Lindo, Molho) und Stadt<br \/>\n(Clombijn, Avenarius).<\/p>\n<p>Mehrere Vortragende warfen die Frage auf, ob es sich bei der von ihnen<br \/>\nvorgestellten Gruppe tats\u00e4chlich um eine Diaspora handelt. W\u00e4hrend vor<br \/>\nallem  diejenigen, die \u00fcber Griechen und Griechinnen, Armenier\/-innen<br \/>\noder Juden und J\u00fcdinnen sprachen, keine Notwendigkeit sahen, die<br \/>\nAngemessenheit des Diaspora-Begriffs zu bezweifeln, w\u00e4hlten andere eine<br \/>\npragmatische Definition. So etwa Freek Colombijn, der das Merkmal des<br \/>\nKontakts zum Herkunftsland herausgriff und die verschiedenen ethnischen<br \/>\nGruppen in Indonesien, mit denen er sich befasste, dementsprechend als<br \/>\nDiasporas fasste. In mehreren Vortr\u00e4gen erfolgte der Bezug auf das<br \/>\nDiaspora-Konzept \u00fcber Abgrenzung zu anderen Konzepten. So unterschied<br \/>\nVoutira den Begriff der Diaspora vom Konzept des Kosmopolitismus,<br \/>\ninsofern mit letzterem die Zugeh\u00f6rigkeit zu einem bestimmten Heimatland<br \/>\nabgelehnt und stattdessen das Zuhausesein in der Welt angestrebt werde.<br \/>\nT\u00f6l\u00f6lyan hingegen lehnte Aihwa Ongs Privilegierung des Konzepts des<br \/>\nTransnationalen ab, da es nicht &#8211; wie Ong behaupte &#8211; weniger<br \/>\nessentialistisch sei als das Diaspora-Konzept. Und Giordano grenzte sich<br \/>\nab von einem durch Theoretiker wie James Clifford oder Robin Cohen<br \/>\nvertretenen postmodernen Diaspora-Konzept, das nur Akteure und<br \/>\nAkteurinnen kenne, aber keine sozialen Gruppen.<\/p>\n<p>CHRISTIAN GIORDANOs (Fribourg) Vortrag war vor allem auch deswegen<br \/>\ninteressant, weil er die Bedeutung der historischen Tiefe in der<br \/>\nUntersuchung gegenw\u00e4rtiger Diaspora-Gemeinschaften plausibel machte.<br \/>\nAnkn\u00fcpfend an den soziogenetischen Ansatz von Norbert Elias griff er<br \/>\neinzelne Elemente der Vergangenheit auf, die er als bedeutsam f\u00fcr die<br \/>\nGegenwart erachtete. F\u00fcr Penang, eine Hafenstadt, die heute zu Malaysia<br \/>\ngeh\u00f6rt, m\u00fcsse ber\u00fccksichtigt werden, dass sie ab 1786 Teil des<br \/>\nbritischen Empire gewesen sei. Die Briten und Britinnen h\u00e4tten bis 1819<br \/>\nEinwanderung gef\u00f6rdert und daf\u00fcr gesorgt, dass dem Konzept der &#8220;plural<br \/>\nsociety&#8221; entsprechend mehrere Gruppen nebeneinander &#8211; aber nicht<br \/>\nzusammen &#8211; lebten. Es seien gr\u00f6\u00dftenteils Chinesen und Chinesinnen<br \/>\ngekommen, die bis heute eine sehr heterogene Gruppe darstellten. Auf<br \/>\nlokaler Ebene betonten sie noch immer ihre Verschiedenheit entsprechend<br \/>\nihrer unterschiedlichen Herkunft, w\u00e4hrend sie sich auf nationaler Ebene<br \/>\neinheitlich als Chinesen und Chinesinnen repr\u00e4sentierten. Da die<br \/>\nBezeichnung Diaspora ein Mindestma\u00df an Homogenit\u00e4t beinhalte,<br \/>\nbezweifelte Giordano ihre Angemessenheit in Bezug auf die Chinesen und<br \/>\nChinesinnen in Penang.<\/p>\n<p>Auch FREEK COLOMBIJN (Amsterdam) setzte sich in seinem Vortrag \u00fcber<br \/>\nverschiedene Diaspora-Gemeinschaften in Indonesien mit der andauernden<br \/>\nBedeutung der kolonialen Vergangenheit auseinander. Neben den Chinesen<br \/>\nund Chinesinnen, Inder\/-innen und Araber\/-innen begriff er auch die<br \/>\nEurop\u00e4er\/-innen in Indonesien als Diaspora. Die These, dass die<br \/>\nkolonialen St\u00e4dte S\u00fcdostasiens in erster Linie entlang ethnischer<br \/>\nZugeh\u00f6rigkeiten segregiert gewesen seien und sich im Zuge der<br \/>\nEntkolonialisierung eine Verschiebung von ethnischer Segregation zu<br \/>\neiner Segregation entlang von (einkommensbedingter) Klassenzugeh\u00f6rigkeit<br \/>\nvollzogen habe, bezweifelte er. Der st\u00e4dtische Raum sei immer entlang<br \/>\nvon Klassenzugeh\u00f6rigkeiten aufgeteilt gewesen, auch vor der<br \/>\nUnabh\u00e4ngigkeit schon. Die Kontinuit\u00e4t dieser r\u00e4umlichen Aufteilung zu<br \/>\nverfolgen, war das Anliegen seines Vortrags.<\/p>\n<p>Ebenso wie Colombijn verschiedene Diaspora-Gemeinschaften in ihrem<br \/>\nVerh\u00e4ltnis zueinander in den Blick nahm und dabei auch Differenzen<br \/>\nentlang von Schichtzugeh\u00f6rigkeit ber\u00fccksichtigte, betonte die<br \/>\nHistorikerin INA BAGHDIANTZ MACCABE (Medford, MA) die Bedeutung von<br \/>\nStudien, die sich nicht auf die Erforschung nur einer<br \/>\nDiaspora-Gemeinschaft beschr\u00e4nken. Am Beispiel ihrer eigenen Arbeiten<br \/>\n\u00fcber Juden und J\u00fcdinnen, Armenier\/-innen und Hugenotten und<br \/>\nHugenottinnen verdeutlichte sie, wie vielf\u00e4ltig und bedeutsam die<br \/>\nNetzwerke sein k\u00f6nnen, die \u00fcber die Grenzen der jeweiligen Gruppe<br \/>\nhinausgehen. In Bezug auf das soziale Gef\u00fcge innerhalb von<br \/>\nDiaspora-Gemeinschaften sei der &#8220;Mythos der Einheit&#8221; seit langem<br \/>\ndemontiert worden und das Modell von durch verwandtschaftliche<br \/>\nBeziehungen automatisch erh\u00f6htem Vertrauen m\u00fcsse bezweifelt werde,<br \/>\ninsbesondere im Hinblick auf die sephardischen Juden und J\u00fcdinnen.<\/p>\n<p>In ihrem Vortrag \u00fcber die sephardische Diaspora in Thessaloniki, der in<br \/>\nihrer Abwesenheit vorgelesen wurde, best\u00e4tigte RENA MOLHO (Athen) diese<br \/>\nEinsch\u00e4tzung. Erst als die Deutschen 1941 gekommen seien und begonnen<br \/>\nh\u00e4tten, Juden und J\u00fcdinnen zu deportieren, h\u00e4tten die Sephardim in<br \/>\nThessaloniki ein Gef\u00fchl von Kollektivit\u00e4t entwickelt. Zuvor habe man<br \/>\nlediglich gewusst, dass es viele in der Stadt gebe, ohne sich jedoch zu<br \/>\n(er)kennen. Die sephardischen Juden und J\u00fcdinnen, die sich nach der<br \/>\nspanischen Inquisition 1492 in Thessaloniki angesiedelt hatten, stellten<br \/>\nbis 1943 die gr\u00f6\u00dfte ethnische Minderheit in der Stadt dar und<br \/>\nbetrachteten Thessaloniki als ihre Heimat. Sie f\u00fchlten sich hier sicher<br \/>\n&#8211; eine Ausnahme in der j\u00fcdischen Diaspora, wie Molho betonte.<\/p>\n<p>Dass verwandtschaftliche Beziehungen in der Diaspora aber durchaus von<br \/>\ngro\u00dfer Bedeutung sein k\u00f6nnen, zeigte EFTHIA VOUTIRA (Thessaloniki) in<br \/>\nihrem Vortrag \u00fcber die Pontos-Griechen und Pontos-Griechinnen; diese<br \/>\nh\u00e4tten in ihrer bewegten Vergangenheit, die sich bis in 7. Jahrhundert<br \/>\nvor Christus zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst, viele Status-Transformationen<br \/>\ndurchlaufen. F\u00fcr die Gegenwart beobachtete Voutira, dass die<br \/>\nZugeh\u00f6rigkeit zu dieser Gruppe seit 1990 nicht nur eine rechtliche<br \/>\nPrivilegierung bedeute, sondern auch eine wichtige emotionale Ressource<br \/>\ndarstelle. Angesichts der neuen M\u00f6glichkeiten, sich zwischen der<br \/>\nehemaligen Sowjetunion und den L\u00e4ndern der Europ\u00e4ischen Union hin und<br \/>\nher zu bewegen, h\u00e4tten sie ein Konzept der R\u00fcckkehr entwickelt, das<br \/>\nnicht &#8220;return to a place&#8221; bedeute, sondern &#8220;return to each other&#8221;. <\/p>\n<p>MILENA BENOVSKA-SABKOVA (Sofia) untersuchte die russische Diaspora, die<br \/>\nsich seit Anfang des 20. Jahrhunderts in drei Phasen in Bulgarien<br \/>\nherausgebildet habe: erstens nach der russischen Revolution Anfang der<br \/>\n1920er Jahre, zweitens w\u00e4hrend der sozialistischen Zeit 1944-1989, und<br \/>\nschlie\u00dflich drittens in der post-sozialistischen Zeit nach 1990. Die<br \/>\nunterschiedlichen historischen Umst\u00e4nde der Einwanderung und die soziale<br \/>\nHeterogenit\u00e4t der Migranten und Migrantinnen spiegelten sich in der<br \/>\nsozialen Organisation der Diaspora wider. Die soziale Hierarchie, die<br \/>\nf\u00fcr das historische Herkunftsland (Russland oder die Sowjetunion)<br \/>\nkennzeichnet gewesen sei, liege auch der Struktur der Diaspora in<br \/>\nBulgarien zugrunde. Das Bem\u00fchen der russischen Diaspora, ihre &#8220;russische<br \/>\nIdentit\u00e4t&#8221; in Bulgarien zu bewahren, werde von Russland benutzt, um<br \/>\npolitische und \u00f6konomische Interessen in Bulgarien zu legitimieren.<\/p>\n<p>In der Abschlussdiskussion fasste Waltraut Kokot als Desiderate der<br \/>\nDiaspora-Forschung vergleichende Untersuchungen, historische Studien und<br \/>\nTheorieentwicklung zusammen. Es gebe kaum diachron vergleichende Studien<br \/>\nund der anthropologischen Forschung mangle es an historischer Tiefe. In<br \/>\ndiesem Zusammenhang war vor allem der Vorschlag von Eftihia Voutira<br \/>\nkonstruktiv, in historisch informierten gegenwartsbezogenen Forschungen<br \/>\ndie Methode der &#8220;interaktiven Archivforschung&#8221; einzusetzen, also die im<br \/>\nFokus des Forschungsinteresses stehenden Menschen mit Archivmaterial zu<br \/>\nkonfrontieren. In Bezug auf die Theoriebildung wurde ein Mangel an \u00fcber<br \/>\nden Einzelfall hinausreichenden Konzepten konstatiert. Der Forderung<br \/>\nnach einer klaren, allgemein verbindlichen Diaspora-Definition wurde im<br \/>\nPlenum jedoch mehrheitlich abgelehnt. Am konsensf\u00e4higsten schien die<br \/>\nAnsicht T\u00f6l\u00f6lyans, dass unter Diaspora alle Gruppen zu fassen seien, die<br \/>\ndiasporische Merkmale h\u00e4tten und noch nicht durch Assimilation<br \/>\nverschwunden seien. Auch transnationale Gemeinschaften, die sich zu<br \/>\nDiasporas entwickeln k\u00f6nnten, seien zu ber\u00fccksichtigen. Der Ansatz,<br \/>\nDiaspora als Ressource zu begreifen, den die Hamburger<br \/>\nDiaspora-Forschung verfolgt, wurde ebenfalls diskutiert. Er hatte sich<br \/>\nim Verlauf der Tagung in Bezug auf einige Forschungen als produktiv<br \/>\nerwiesen, schien jedoch nicht f\u00fcr alle tragf\u00e4hig. Es wurde deutlich,<br \/>\ndass es wichtig ist, einen Begriff wie Diaspora in Bewegung zu halten<br \/>\nund immer wieder neu entlang von Empirie und in Auseinandersetzung mit<br \/>\nanderen Konzepten zu konturieren. Dazu leistete die Tagung einen<br \/>\nwichtigen Beitrag.<\/p>\n<p>Konferenz\u00fcbersicht:<\/p>\n<p>Waltraud Kokot: &#8220;Introduction&#8221; <\/p>\n<p>Khachig T\u00f6l\u00f6lyan: &#8220;Diaspora, Dispersion, and the Contingency of<br \/>\nTransnational Communities&#8221; <\/p>\n<p>Janet Tai Landa: &#8220;Economic Success of Ethnically Homogeneous Middleman<br \/>\nDiasporas in the Provision of Club Goods: The Role of Culture, Religion,<br \/>\nIdentity, and Ethnic Boundaries&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Christian Giordano: &#8220;Networks and Corporate Groups: Social Organization<br \/>\nof the Chinese Diaspora in the Straits of Malacca &#8211; the Case of Penang&#8221;<br \/>\n(abstract)<\/p>\n<p>Maja Korac-Sanderson: &#8220;Ethnic Entrepreneurship, Transnational Strategies<br \/>\nand Incorporation: Chinese in Serbia&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Ina Baghdiantz McCabe: &#8220;Collaboration and Competition between Diaspora<br \/>\nEntrepreneurial Networks in the Early Modern Period&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Discussion: Waltraud Kokot <\/p>\n<p>Milena Benovska-Sabkova: &#8220;Social Networks and Identity: The Russian<br \/>\nDiaspora in Sofia&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Eftihia Voutira: &#8220;The Pontic Greek Post-Soviet Diaspora Becoming<br \/>\nEuropean&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Discussion: Astrid Wonneberger <\/p>\n<p>Bernhard Fuchs \/ Max Leimst\u00e4ttner: &#8220;Researching Embeddedness. Film and<br \/>\nMusic in Different Immigrant Communities of Vienna&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Hauke Dorsch: &#8220;The Cultural Economics of Jaliya &#8211; Three Generations of<br \/>\nWest African Musicians Touring the Diaspora&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Discussion: Erwin Schweitzer <\/p>\n<p>Flip Lindo: &#8220;Diaspora Against Dispersion: The Strivings for Visibility<br \/>\nof a Transnational Religious Movement in Amsterdam&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Rena Molho: &#8220;Salonica &#8211; a Homeland to the Sephardic Diaspora&#8221; (abstract)<\/p>\n<p>Discussion: Roland Mischung <\/p>\n<p>Freek Colombijn: &#8220;The Politics of Urban Space: Racial Segregation or<br \/>\nClass Segregation in Colonial Indonesia&#8221; (abstract) <\/p>\n<p>Christine Avenarius: &#8220;Urban Spaces and Immigrant Places: Networks of<br \/>\nTaiwanese Communities in Southern California&#8221; (abstract)<\/p>\n<p>Discussion: Julia Pauli <\/p>\n<p>Final discussion<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nDr. Ramona Lenz<br \/>\nZentrum f\u00fcr Mittelmeerstudien<br \/>\nder Ruhr-Universit\u00e4t Bochum<br \/>\nKonrad-Zuse-Str. 16<br \/>\n44801 Bochum<br \/>\nramona.lenz@rub.de<\/p>\n<p>URL zur Zitation dieses Beitrages<br \/>\n<http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/tagungsberichte\/id=3273><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\nCopyright (c) 2010 by H-Net and Clio-online, all rights reserved. This<br \/>\nwork may be copied and redistributed for non-commercial, educational use<br \/>\nif proper credit is given to the author and to the list. For other<br \/>\npermission, please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Institut f\u00fcr Ethnologie, Universit\u00e4t Hamburg 04.06.2010-06.06.2010, Hamburg Bericht von: Ramona Lenz, Zentrum f\u00fcr Mittelmeerstudien, Ruhr-Universit\u00e4t Bochum E-Mail: Es war die dritte Konferenz in zehn Jahren zum Thema Diaspora, die das Institut f\u00fcr Ethnologie der Universit\u00e4t Hamburg vom 4. bis 6. Juni 2010 im Warburg Haus ausrichtete. In ihrer Einf\u00fchrung zur diesj\u00e4hrigen Konferenz unter dem Titel &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.urban-studies.eu\/?p=331\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &#8220;ConfRep: Diaspora as a Resource: Comparative Studies in Strategies, Networks and Urban Space (German)&#8221;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=331"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":332,"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions\/332"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.urban-studies.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}