ConfRep: Diaspora as a Resource: Comparative Studies in Strategies, Networks and Urban Space (German)

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Institut für Ethnologie, Universität Hamburg
04.06.2010-06.06.2010, Hamburg

Bericht von:
Ramona Lenz, Zentrum für Mittelmeerstudien, Ruhr-Universität Bochum
E-Mail:

Es war die dritte Konferenz in zehn Jahren zum Thema Diaspora, die das
Institut für Ethnologie der Universität Hamburg vom 4. bis 6. Juni 2010
im Warburg Haus ausrichtete. In ihrer Einführung zur diesjährigen
Konferenz unter dem Titel “Diaspora as a Resource: Comparative Studies
in Strategies, Networks and Urban Space” ließ WALTRAUD KOKOT (Hamburg),
die Leiterin des Forschungsprojektes “DiaspoRes – Diaspora as a
Resource”, die Diaspora-Forschung der letzten beiden Jahrzehnte Revue
passieren. Dabei nahm sie das Erscheinen der ersten Ausgabe der
Zeitschrift “Diaspora” in 1991, die eng mit dem Namen ihres Herausgebers
Khachig Tölölyan verbunden ist, zum Ausgangspunkt. In der ersten Dekade
der anthropologischen Diasporaforschung sei es fast ausschließlich um
Identitätsfragen gegangen. Ökonomische und soziale Netzwerke seien nicht
berücksichtigt worden, und es habe keinerlei Theoriebildung
stattgefunden. Parallel habe sich nahezu unbemerkt von der Anthropologie
die Diaspora-Forschung in Disziplinen wie Politologie und
Wirtschaftswissenschaften weiterentwickelt. Zudem hätten im Zuge
postmoderner Theoriebildung angrenzende Begriffe wie beispielsweise
Hybridität an Bedeutung gewonnen und die Rhetorik der Auflösung
örtlicher Bindungen sei dominant geworden, wovon sich die Hamburger
Diaspora-Forschung mit ihrem Fokus auf Lokalität distanziert habe.

In der gegenwärtigen, von verschiedenen Disziplinen betriebenen
Diaspora-Forschung machte Kokot verschiedene Schwerpunkte aus. Zum einen
werde der Beitrag untersucht, den Diasporas einerseits für ihr
Herkunftsland und andererseits für die Gesellschaften leisten, in denen
sie leben. Zum anderen werde – vorwiegend von den
Wirtschaftswissenschaften und Wirtschaftsethnologie – ethnisches
Unternehmertum erforscht, wobei zunehmend mit dem Konzept der “middleman
minorities” gearbeitet werde. Darüber hinaus würden vermehrt Netzwerke
und Wertsysteme fokussiert. Vor allem in den Geschichtswissenschaften
würden außerdem Einzelfall- oder vergleichende Studien über
Handelsdiasporas erstellt. In Stadtanthropologie und Stadtgeschichte
lasse sich hingegen ein zunehmendes Interesse an “Diaspora-Städten”
feststellen.

Für die zukünftige Diaspora-Forschung hielt Kokot es für wichtig,
weniger die Opferrolle als den Erfolg von Diaspora-Gemeinschaften ins
Zentrum zu stellen. Angesichts der Vielfalt von Diaspora-Situationen
schlug sie vor, keine allgemein gültige Diaspora-Definition
vorauszusetzen, sondern sich pragmatisch auf Selbstdefinitionen zu
beziehen.

Auch KHACHIG TÖLÖLYAN (Middletown, CT) warf in seinem Eröffnungsvortrag
zunächst einen Blick zurück. Bis Mitte der 1990er-Jahre hätten sich in
den USA nur Vertreter/-innen der postkolonialen Literaturwissenschaften
und der Anthropologie für die von ihm 1991 erstmals herausgegebene
Zeitschrift “Diaspora” interessiert. Erst 1996 habe auch die Soziologie
sich langsam für das Thema geöffnet. Seither habe es große Veränderungen
gegeben. In den 1990er- Jahren sei es nicht nur unter
Wissenschaftler/-innen verschiedener Disziplinen, sondern auch unter
Künstler/-innen, Kulturproduzenten und -produzentinnen und
Politiker/-innen Mode geworden, über alle verstreut lebenden
Gemeinschaften als Diasporas zu sprechen. Lege man einen derart
erweiterten Diaspora-Begriff zugrunde, lebe die Hälfte der
Weltbevölkerung in der Diaspora.

Trotz seiner Kritik an einem allzu umfassenden Diaspora-Begriff,
lieferte Tölölyan keine eindeutige Definition, sondern hielt fest, dass
Menschen – abhängig von der Situation, in der sie leben – zwischen
verschiedenen Zugehörigkeiten wechseln. Auch das Verhältnis der Diaspora
zum Herkunftsland ändere sich entsprechend. So erwürben Armenier/-innen
aus Iran und Libanon aufgrund der instabilen politischen Situation in
ihren Ländern deutlich häufiger Immobilien in Armenien als
Armenier/-innen, die in den USA leben.

Mit JANET TAI LANDA (Toronto), die den zweiten Eröffnungsvortrag hielt,
kam eine Wirtschaftswissenschaftlerin an prominenter Stelle zu Wort. Auf
der Grundlage ihrer ethnographischen Forschung über chinesische
“middleman diasporas” in Südostasien stellte sie ihr Konzept der
“ethnically homogeneous middleman groups (EHMG)” vor. Tai Landa bekannte
sich dabei zu einem essentialistischen Verständnis von Ethnizität und
bezog sich zudem auf das evolutionstheoretische Konzept der
Gruppenselektion und die “rational choice theory”. “Ethnic trade
diasporas (ETD)” definierte sie dementsprechend als Netzwerke ethnisch
homogener Gemeinschaften, die durch eine funktionale Arbeitsteilung
verbunden sind und deren Erfolg auf dem Ausstechen anderer Gruppen im
Wettbewerb beruht. Sie betonte, dass der auf Verwandtschaft, Ethnizität
und/oder Religion basierende Zusammenhalt der Diasporamitglieder mit der
zunehmenden Seltenheit und dem steigenden Wert der gehandelten Waren
sowie mit dem erhöhten Bedarf an Vertrauen (z.B. bei kriminellen
Handlungen) stärker werde.

Während ihre beiden Vorredner/-innen einen eher vorsichtigen Umgang mit
der Kategorie Diaspora erkennen ließen – Kokot, indem sie dafür
plädierte, die Selbstdefinition der Untersuchten Ernst zu nehmen, und
Tölölyan, indem er die Kontextabhängigkeit von Zugehörigkeiten betonte –
legte Tai Landa mithilfe von Versatzstücken aus unterschiedlichen
theoretischen Konzepten verschiedener Disziplinen eine Definition von
Diaspora vor, die wenig Raum für Ambivalenzen und Wandelbarkeit ließ.

Die chinesische Diaspora, die die empirische Grundlage von Tai Landas
Überlegungen darstellte, stand auch im Fokus einiger weiterer Vorträge.
Wenn man nicht wie die Organisatoren und Organisatorinnen der Konferenz
davon absieht, die Vorträge entlang von ethnischen Gruppen zu ordnen,
lassen sie sich folgendermaßen sortieren: erstens Studien, die eine
Diaspora-Gemeinschaft an einem relativ klar bestimmten Ort in den Blick
nahmen: Chinesen und Chinesinnen in Südostasien (JANET TAI LANDA,
Toronto), Malaysia (CHRISTIAN GIORDANO, Fribourg) und Serbien (MAJA
KORAC-SANDERSON, London), Taiwanesen und Taiwanesinnen in Kalifornien
(CHRISTINE AVENARIUS, Greenville, NC), Russen und Russinnen in Sofia
(MILENA BENOVSKA, Sofia), Türken und Türkinnen in Amsterdam (FLIP LINDO,
Amsterdam) und sephardische Juden und Jüdinnen in Thessaloniki (RENA
MOLHO, Athen); zweitens Studien, die eine Diasporagemeinschaft in ihrer
Verbreitung über mehrere Länder thematisierten: pontische Griechen und
Griechinnen (EFTHIA VOUTIRA, Thessaloniki), Musiker/-innen aus The
Gambia (HAUKE DORSCH, Mainz) und Armenier/-innen (KHACHIG TÖLÖLYAN,
Middletown, CT); drittens Studien, die mehrere Diaspora-Gemeinschaften
aufeinander bezogen: Türken und Türkinnen, Chinesen und Chinesinnen,
Südasiaten und Südasiatinnen in Österreich (BERNHARD FUCHS/MAX
LEIMSTÄTTER, Wien), Chinesen und Chinesinnen, Inder/-innen,
Araber/-innen, Europäer/-innen und Indigene in Indonesien (FREEK
COLOMBIJN, Amsterdam), Juden und Jüdinnen, Armenier/-innen und
Hugenotten und Hugenottinnen in der Geschichte (INA BAGHDIANTZ MACCABE,
Medford, MA).

Das Absehen der Veranstalter/-innen von einer solchen Sortierung ist
plausibel, insofern sie sich von einem essentialistischen Verständnis
ethnischer Zugehörigkeit abgrenzten und nicht danach fragen wollten, wie
Diaspora-Gemeinschaften ihre Identität in der Fremde bewahren. Es ging
ihnen vielmehr darum, Diaspora-Gemeinschaften im Kontext der sozialen
und politischen Bedingungen in den Ländern, in denen sie leben, zu sehen
und miteinander zu vergleichen. Um diese vergleichende Perspektive zu
ermöglichen, wurden die Vorträge daher nach quer liegenden
Fragestellungen sortiert. Ohne dass sie im Tagungsprogramm so
überschrieben worden wären – es wurde ganz auf eine explizite
thematische Gruppierung verzichtet -, wurden zunächst Studien zum Thema
Netzwerke und ethnisches Unternehmertum vorgestellt (Tai Landa,
Giordano, Korac-Sanderson, Baghdiantz McCabe) und anschließend solche,
die sich mit Identität befassten (Benvoska, Voutira). Im nächsten Block
ging es um Kulturproduktion – konkret um Musiker/-innen – in der
Diaspora (Fuchs/Leimstättner, Dorsch). Weitere Themenblöcke ergaben sich
unter den (impliziten) Überschriften Religion (Lindo, Molho) und Stadt
(Clombijn, Avenarius).

Mehrere Vortragende warfen die Frage auf, ob es sich bei der von ihnen
vorgestellten Gruppe tatsächlich um eine Diaspora handelt. Während vor
allem diejenigen, die über Griechen und Griechinnen, Armenier/-innen
oder Juden und Jüdinnen sprachen, keine Notwendigkeit sahen, die
Angemessenheit des Diaspora-Begriffs zu bezweifeln, wählten andere eine
pragmatische Definition. So etwa Freek Colombijn, der das Merkmal des
Kontakts zum Herkunftsland herausgriff und die verschiedenen ethnischen
Gruppen in Indonesien, mit denen er sich befasste, dementsprechend als
Diasporas fasste. In mehreren Vorträgen erfolgte der Bezug auf das
Diaspora-Konzept über Abgrenzung zu anderen Konzepten. So unterschied
Voutira den Begriff der Diaspora vom Konzept des Kosmopolitismus,
insofern mit letzterem die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Heimatland
abgelehnt und stattdessen das Zuhausesein in der Welt angestrebt werde.
Tölölyan hingegen lehnte Aihwa Ongs Privilegierung des Konzepts des
Transnationalen ab, da es nicht – wie Ong behaupte – weniger
essentialistisch sei als das Diaspora-Konzept. Und Giordano grenzte sich
ab von einem durch Theoretiker wie James Clifford oder Robin Cohen
vertretenen postmodernen Diaspora-Konzept, das nur Akteure und
Akteurinnen kenne, aber keine sozialen Gruppen.

CHRISTIAN GIORDANOs (Fribourg) Vortrag war vor allem auch deswegen
interessant, weil er die Bedeutung der historischen Tiefe in der
Untersuchung gegenwärtiger Diaspora-Gemeinschaften plausibel machte.
Anknüpfend an den soziogenetischen Ansatz von Norbert Elias griff er
einzelne Elemente der Vergangenheit auf, die er als bedeutsam für die
Gegenwart erachtete. Für Penang, eine Hafenstadt, die heute zu Malaysia
gehört, müsse berücksichtigt werden, dass sie ab 1786 Teil des
britischen Empire gewesen sei. Die Briten und Britinnen hätten bis 1819
Einwanderung gefördert und dafür gesorgt, dass dem Konzept der “plural
society” entsprechend mehrere Gruppen nebeneinander – aber nicht
zusammen – lebten. Es seien größtenteils Chinesen und Chinesinnen
gekommen, die bis heute eine sehr heterogene Gruppe darstellten. Auf
lokaler Ebene betonten sie noch immer ihre Verschiedenheit entsprechend
ihrer unterschiedlichen Herkunft, während sie sich auf nationaler Ebene
einheitlich als Chinesen und Chinesinnen repräsentierten. Da die
Bezeichnung Diaspora ein Mindestmaß an Homogenität beinhalte,
bezweifelte Giordano ihre Angemessenheit in Bezug auf die Chinesen und
Chinesinnen in Penang.

Auch FREEK COLOMBIJN (Amsterdam) setzte sich in seinem Vortrag über
verschiedene Diaspora-Gemeinschaften in Indonesien mit der andauernden
Bedeutung der kolonialen Vergangenheit auseinander. Neben den Chinesen
und Chinesinnen, Inder/-innen und Araber/-innen begriff er auch die
Europäer/-innen in Indonesien als Diaspora. Die These, dass die
kolonialen Städte Südostasiens in erster Linie entlang ethnischer
Zugehörigkeiten segregiert gewesen seien und sich im Zuge der
Entkolonialisierung eine Verschiebung von ethnischer Segregation zu
einer Segregation entlang von (einkommensbedingter) Klassenzugehörigkeit
vollzogen habe, bezweifelte er. Der städtische Raum sei immer entlang
von Klassenzugehörigkeiten aufgeteilt gewesen, auch vor der
Unabhängigkeit schon. Die Kontinuität dieser räumlichen Aufteilung zu
verfolgen, war das Anliegen seines Vortrags.

Ebenso wie Colombijn verschiedene Diaspora-Gemeinschaften in ihrem
Verhältnis zueinander in den Blick nahm und dabei auch Differenzen
entlang von Schichtzugehörigkeit berücksichtigte, betonte die
Historikerin INA BAGHDIANTZ MACCABE (Medford, MA) die Bedeutung von
Studien, die sich nicht auf die Erforschung nur einer
Diaspora-Gemeinschaft beschränken. Am Beispiel ihrer eigenen Arbeiten
über Juden und Jüdinnen, Armenier/-innen und Hugenotten und
Hugenottinnen verdeutlichte sie, wie vielfältig und bedeutsam die
Netzwerke sein können, die über die Grenzen der jeweiligen Gruppe
hinausgehen. In Bezug auf das soziale Gefüge innerhalb von
Diaspora-Gemeinschaften sei der “Mythos der Einheit” seit langem
demontiert worden und das Modell von durch verwandtschaftliche
Beziehungen automatisch erhöhtem Vertrauen müsse bezweifelt werde,
insbesondere im Hinblick auf die sephardischen Juden und Jüdinnen.

In ihrem Vortrag über die sephardische Diaspora in Thessaloniki, der in
ihrer Abwesenheit vorgelesen wurde, bestätigte RENA MOLHO (Athen) diese
Einschätzung. Erst als die Deutschen 1941 gekommen seien und begonnen
hätten, Juden und Jüdinnen zu deportieren, hätten die Sephardim in
Thessaloniki ein Gefühl von Kollektivität entwickelt. Zuvor habe man
lediglich gewusst, dass es viele in der Stadt gebe, ohne sich jedoch zu
(er)kennen. Die sephardischen Juden und Jüdinnen, die sich nach der
spanischen Inquisition 1492 in Thessaloniki angesiedelt hatten, stellten
bis 1943 die größte ethnische Minderheit in der Stadt dar und
betrachteten Thessaloniki als ihre Heimat. Sie fühlten sich hier sicher
– eine Ausnahme in der jüdischen Diaspora, wie Molho betonte.

Dass verwandtschaftliche Beziehungen in der Diaspora aber durchaus von
großer Bedeutung sein können, zeigte EFTHIA VOUTIRA (Thessaloniki) in
ihrem Vortrag über die Pontos-Griechen und Pontos-Griechinnen; diese
hätten in ihrer bewegten Vergangenheit, die sich bis in 7. Jahrhundert
vor Christus zurückverfolgen lässt, viele Status-Transformationen
durchlaufen. Für die Gegenwart beobachtete Voutira, dass die
Zugehörigkeit zu dieser Gruppe seit 1990 nicht nur eine rechtliche
Privilegierung bedeute, sondern auch eine wichtige emotionale Ressource
darstelle. Angesichts der neuen Möglichkeiten, sich zwischen der
ehemaligen Sowjetunion und den Ländern der Europäischen Union hin und
her zu bewegen, hätten sie ein Konzept der Rückkehr entwickelt, das
nicht “return to a place” bedeute, sondern “return to each other”.

MILENA BENOVSKA-SABKOVA (Sofia) untersuchte die russische Diaspora, die
sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts in drei Phasen in Bulgarien
herausgebildet habe: erstens nach der russischen Revolution Anfang der
1920er Jahre, zweitens während der sozialistischen Zeit 1944-1989, und
schließlich drittens in der post-sozialistischen Zeit nach 1990. Die
unterschiedlichen historischen Umstände der Einwanderung und die soziale
Heterogenität der Migranten und Migrantinnen spiegelten sich in der
sozialen Organisation der Diaspora wider. Die soziale Hierarchie, die
für das historische Herkunftsland (Russland oder die Sowjetunion)
kennzeichnet gewesen sei, liege auch der Struktur der Diaspora in
Bulgarien zugrunde. Das Bemühen der russischen Diaspora, ihre “russische
Identität” in Bulgarien zu bewahren, werde von Russland benutzt, um
politische und ökonomische Interessen in Bulgarien zu legitimieren.

In der Abschlussdiskussion fasste Waltraut Kokot als Desiderate der
Diaspora-Forschung vergleichende Untersuchungen, historische Studien und
Theorieentwicklung zusammen. Es gebe kaum diachron vergleichende Studien
und der anthropologischen Forschung mangle es an historischer Tiefe. In
diesem Zusammenhang war vor allem der Vorschlag von Eftihia Voutira
konstruktiv, in historisch informierten gegenwartsbezogenen Forschungen
die Methode der “interaktiven Archivforschung” einzusetzen, also die im
Fokus des Forschungsinteresses stehenden Menschen mit Archivmaterial zu
konfrontieren. In Bezug auf die Theoriebildung wurde ein Mangel an über
den Einzelfall hinausreichenden Konzepten konstatiert. Der Forderung
nach einer klaren, allgemein verbindlichen Diaspora-Definition wurde im
Plenum jedoch mehrheitlich abgelehnt. Am konsensfähigsten schien die
Ansicht Tölölyans, dass unter Diaspora alle Gruppen zu fassen seien, die
diasporische Merkmale hätten und noch nicht durch Assimilation
verschwunden seien. Auch transnationale Gemeinschaften, die sich zu
Diasporas entwickeln könnten, seien zu berücksichtigen. Der Ansatz,
Diaspora als Ressource zu begreifen, den die Hamburger
Diaspora-Forschung verfolgt, wurde ebenfalls diskutiert. Er hatte sich
im Verlauf der Tagung in Bezug auf einige Forschungen als produktiv
erwiesen, schien jedoch nicht für alle tragfähig. Es wurde deutlich,
dass es wichtig ist, einen Begriff wie Diaspora in Bewegung zu halten
und immer wieder neu entlang von Empirie und in Auseinandersetzung mit
anderen Konzepten zu konturieren. Dazu leistete die Tagung einen
wichtigen Beitrag.

Konferenzübersicht:

Waltraud Kokot: “Introduction”

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Khachig Tölölyan: “Diaspora, Dispersion, and the Contingency of
Transnational Communities”

Janet Tai Landa: “Economic Success of Ethnically Homogeneous Middleman
Diasporas in the Provision of Club Goods: The Role of Culture, Religion,
Identity, and Ethnic Boundaries” (abstract)

Christian Giordano: “Networks and Corporate Groups: Social Organization
of the Chinese Diaspora in the Straits of Malacca – the Case of Penang”
(abstract)

Maja Korac-Sanderson: “Ethnic Entrepreneurship, Transnational Strategies
and Incorporation: Chinese in Serbia” (abstract)

Ina Baghdiantz McCabe: “Collaboration and Competition between Diaspora
Entrepreneurial Networks in the Early Modern Period” (abstract)

Discussion: Waltraud Kokot

Milena Benovska-Sabkova: “Social Networks and Identity: The Russian
Diaspora in Sofia” (abstract)

Eftihia Voutira: “The Pontic Greek Post-Soviet Diaspora Becoming
European” (abstract)

Discussion: Astrid Wonneberger

Bernhard Fuchs / Max Leimstättner: “Researching Embeddedness. Film and
Music in Different Immigrant Communities of Vienna” (abstract)

Hauke Dorsch: “The Cultural Economics of Jaliya – Three Generations of
West African Musicians Touring the Diaspora” (abstract)

Discussion: Erwin Schweitzer

Flip Lindo: “Diaspora Against Dispersion: The Strivings for Visibility
of a Transnational Religious Movement in Amsterdam” (abstract)

Rena Molho: “Salonica – a Homeland to the Sephardic Diaspora” (abstract)

Discussion: Roland Mischung

Freek Colombijn: “The Politics of Urban Space: Racial Segregation or
Class Segregation in Colonial Indonesia” (abstract)

Christine Avenarius: “Urban Spaces and Immigrant Places: Networks of
Taiwanese Communities in Southern California” (abstract)

Discussion: Julia Pauli

Final discussion

————————————————————————
Dr. Ramona Lenz
Zentrum für Mittelmeerstudien
der Ruhr-Universität Bochum
Konrad-Zuse-Str. 16
44801 Bochum
ramona.lenz@rub.de

URL zur Zitation dieses Beitrages

————————————————————————
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work may be copied and redistributed for non-commercial, educational use
if proper credit is given to the author and to the list. For other
permission, please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.

Tagber: KartenWissen: Territoriale Räume zwischen Bild und Diagramm

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Stephan Günzel / Lars Nowak, Historisch-Kulturwissenschaftliches
Forschungszentrum Trier
30.06.2010-02.07.2010, Trier

Bericht von:
Hedwig Wagner, Zentrum für Medien und Interaktivität,
Justus-Liebig-Universität Gießen,
E-Mail:

Die Trierer Tagung war von der Konzeption getragen auf der Grundlage von
Analysen historischer und aktueller See-, Himmels-, Land- und
Stadtkarten die Kartographiegeschichte , die Raum in historischer
Hinsicht thematisiert, mit Kulturwissenschaft zu verbinden, die an der
Historisierung des Raums interessiert ist. Die Reflexion von Raum in der
Pluralität räumlicher Formen und medialer Vermittlungen zu betreiben,
also Räumlichkeiten als Verbindung von Wissen und Medialität zu denken
und zu erkennen, dass Information abhängig ist von der medialen
Vermittlung, die zwischen Bild und Diagramm steht, das war die
Aufgabenstellung der Tagung. Die Schwerpunkte waren erstens die
theoretische Fragestellung nach der Karte zwischen Bild und Diagramm,
die auf die Semiotik abzielte, (Günzel, Farinelli, Pápay, Nowak);
zweitens Karten in den Künsten Bildende Kunst (Sick, Leeb), Architektur
(Schelbert) und Literatur (von Schöning) sowie in den Medien Fotographie
(Starl) und Film (Nowak) und drittens Karten und Kartographie in
verschiedenen historischen Epochen, der Antike, speziell Ptolemaios
(Stückelberger), dem Mittelalter (von den Brincken), der Neuzeit
(Günzel, Howitz, Uhrmacher), dem 19.Jahrhundert (von Schöning) und 20
Jahrhundert (Starl, Nowak) und der Jetztzeit (Schramm).

STEPHAN GÜNZEL (Trier) eröffnete die Tagung mit einer auf sehr hohem
Niveau gehaltenen theoretischen Einführung in das Verhältnis der Karte
zum Bild einerseits und zum Diagramm andererseits. Der Tagungsleiter gab
dabei eine grundsätzliche Orientierung, ohne sich zu sehr in den Details
der (Pierce’schen) Semiotik zu verlieren. In der Neuzeit nun, so Günzel,
arbeiteten Karten mit Netzentwürfen, die ein Raster für Geoinformationen
darstellen, einer Eintragungsmöglichkeit ungeachtet des konkreten
empirisch zu erfassenden Territoriums. In diesem Sinne gehe die Karte
dem Territorium voraus und sei eine reine Möglichkeit der Eintragung.
Die Repräsentation mache die Welt zum Bild. Beim apriorisch
konstruierten Darstellungsraum falle, so die Schlussfolgerung Günzels,
die systematische Unterscheidung von Diagramm und Bild zusammen, der
Raum sei zum Bild geworden.

Die enge wissenschaftliche Fokussierung seitens der Veranstalter,
Stephan Günzel und Lars Nowak vom Historisch-Kulturwissenschaftlichen
Forschungszentrum an der Uni Trier (HKFZ), die territorialen Räume
zwischen Bild und Diagramm zu denken, war für viele Vortragende leitend.
Ganz dezidiert widmete sich dieser hochkomplexen Denkaufgabe der
Kartograph GYULA PAPAY (Rostock), der eine eigenständige semiotische
Klassifizierung der Karte entwarf und die zeichentheoretische Bestimmung
von Bild und Diagramm in all ihren Bestimmungen und
Distinktionskriterien mittels einer Powerpoint-Präsentation in
Diagrammen visuell vermittelt präsentierte und die Karte als spezifische
Zeichenkonfiguration zwischen Bild und Diagramm bestimmte. In dieser
Spezifizierung ging er weit über seine in der Kulturwissenschaft breit
rezipierten Artikelveröffentlichungen hinaus.[1] Das ebenso reichhaltige
Kartenmaterial, das er präsentierte, vermittelte sehr gut zwischen
Theorie und Anschauung. ALFRED STÜCKELBERGER (Bern) führte ebenfalls mit
vielen Bildfolien sehr detailliert und in großer Kennerschaft das Wissen
und die Grundzüge der Kartierung von Ptolemaios vor, indem er das Wissen
der Antike, das sich aus Karten und Reisebeschreibungen speiste, sowie
die mathematischen Berechnungen, die er selbst rekonstruierte,
vorführte. Damit konnte der Vortragende die Exaktheit der Karte des
Ptolemaios für einzelne Erdteile beweisen bzw. bei anderen Erdteilen
deren Abweichungsgrad bestimmen. Stückelberger stellte die
Ptolemaios’sche Kartenprojektion allgemeinverständlich dar und
vermittelte damit zugleich sehr gut eine Einsicht in die editorische
Arbeit an der Neuauflage.[2] Der Vortrag des englischsprechenden
Italieners FRANCO FARINELLI (Bologna) kulminierte im Gedanken, dass der
Staat eine Kopie der Karte sei, denn der moderne Nationalstaat, der dem
kleinterritorialem Gebilde der Feudalzeit entgegengesetzt sei, sei
territorial homogen, isotrophisch (das heißt auf ein Zentrum
ausgerichtet),von Kontinuität und Homogenität bestimmt . Schon allein um
existieren zu können, müssten moderne Staaten ein geometrisches Schema
haben, ein Modell zur Bildung des Staates, des Staatsgebildes. In diesem
Sinne sei der Staat eine Kopie der Karte. Die moderne Welt sei ein
Abbild der Karte. Auf die Semiotik bezogen, auf de Saussure und
Benveniste, argumentierte Farinelli, dass Sprache auf Konzepte, nicht
auf Dinge und auch Karten auf Konzepte und nicht auf Realität
referieren, insofern sei die Karte eine Konstruktion von Welt. Die Karte
als Ur-Metapher wurde dann auch philosophiegeschichtlich zurückverfolgt.
Günzel fasste den Vortrag spontan nochmals zusammen, sodass auch eine
Diskussion darüber möglich wurde. ANNA-DOROTHEE VON DEN BRINCKEN (Köln)
hat in einem einstündigen Abendvortrag mit den mittelalterlichen
TO-Karten (mit einer Rahmung versehene imago mundi-Darstellungen, die
das Erdrund mit einem mittig gesetzten trennenden T-Balken darstellen,
der die Erdteile Asien, Europa und Afrika voneinander scheidet) die
Bildsymbolik mittelalterlicher Karten bild- , detail- und kenntnisreich
präsentiert. Die Darstellung der Ökumene einerseits und des Kosmos
andererseits, die Rahmung der Welt anhand der Entwicklung von den
TO-Karten mit ihren symbolisch zu lesenden Erdteilen und
Gewässerdarstellung wurde bildreich vor Augen geführt. Symbolik und
Emblematik erläuternd, wurde die Kartendarstellung als Ausdruck der
Philosophie der Antike erkennbar und einsichtig, dass das
Text-Bild-Verhältnis durch Darstellungstradition geprägt ist.
Insbesondere wurden die an der Karte ablesbaren
Darstellungsschwierigkeiten vorgeführt, seien diese einer mangelnden
Beherrschung der Kulturtechnik geschuldet oder aber der Schwierigkeit,
Wissen und Ikonologie zu vereinen.

Mit diesen Hauptvorträgen der Tagung waren die geschichtliche und die
theoretische Grundlegung der Kartographie erfolgt, der sich dann das
Panel anschloss, das exemplarisch einzelne geschichtliche Etappen zur
Kenntnis brachte.

Mit JULIANE HOWITZ (Berlin) wandte sich die Tagung der kartographischen
Darstellbarkeit frühneuzeitlichen Himmelswissens zu, den
figürlich-allegorischen Sternbildern und den Himmelsprojektionen. Die
überraschende Erkenntnis des Vortrags von Juliane Howitz war, dass die
Himmelskartographie der frühen Neuzeit nicht an die Landkartographie
dieser Zeit anschliesst, sondern im Darstellungswiderspruch zwischen dem
Erfahrungsraum und dem mathematisch-physikalischen Systemraum, also dem
nach Kepler und Galileo entstandenem Wissen um die Himmelskörper und
ihrer Bewegungen, steckt und daher in der kartographischen Erfassung zur
Undarstellbarkeit neigt. Die mathematische Berechenbarkeit des Himmels
hat keine adäquate kartographische Darstellung gefunden. Die visuelle
Darstellbarkeit bzw. Undarstellbarkeit reflektiert damit ex negativo auf
die mediale Dimension von Himmelskarten. MARTIN UHRMACHER (Luxemburg)
wandte sich angesichts des Pyrenäenfriedens von 1659 dem Problem einer
instrumentellen Kartenpolitik zu, dem Machterhalt und der Expansion
dienend, wobei der besondere Fokus auf der in historisch-politischer
Dimension gefertigten retrospektiven Rekonstruktionsleistung von Karten
lag. Hier spielte historisch insbesondere die Detailgenauigkeit und die
Größe eine Rolle, aber auch – wie sich in der anschließenden Diskussion
herausstellte – die Farbgebung und die scharfe Linienabtrennung in der
eigenen kartografischen Rekonstruktionstätigkeit des Referenten. ANTONIA
VON SCHÖNING (Basel) hat in ihrem Vortrag unter Bezugnahme auf die
Akteur-Netzwerk-Theorie und die Foucault’sche Biomacht – Politik das
hygienische Dispositiv Paris’ um 1800, das Wasser-, Abwasser-, und
Kanalisationssystem in Hinsicht auf die Konstruktionsleistung der
Kanalisation hervorgehoben. Sie hat den organischen Körper der Stadt
theoretisch geborgen und in seiner Relevanz für Technik,
Sozialorganisation und für die literarische Fiktion herausgearbeitet.

Das anschließende Panel widmete sich der Kunst, einmal aus
kunstgeschichtlicher Perspektive (Schelbert), die Kunst der Architektur
mit der Kartographie in Beziehung setzend, zwei weitere Male aus der
Perspektive der künstlerischen Praxen selbst, einmal aus Sicht der
Performance und der Installation (Sick), einmal aus der Bildenden Kunst
(Leeb). GEORG SCHELBERT (Trier) hat die Rompläne des 16. bis
18.Jahrhunderts bildreich unter der Bildfigur der Architekturvedute ins
Blickfeld gerückt und dabei in der kartographischen Entwicklung den
Bogen von der Integration von Architekturveduten, bildlich in den
Stadtplan gesetzt als an dieser Stelle Roms befindliche
Sehenswürdigkeit, bis hin zu den am Kartenrand platzierten Veduten als
zierende Bildelemente geschlagen, die lediglich auf eine Vorstellung von
Rom referenzieren. ANDREA SICK hat von der künstlerischen Praxis von
Katharina Hinsberg und Linda Karshan ausgehend, die spezifischen
Raumpraktiken in diesen Arbeiten expliziert und sie in Bezug zu den
Grundanforderungen gesetzt, die eine Karte erfüllen muss bzw. die die
Kartographie auszeichnen. Die Vortragende machte dies, indem sie die
Negation oder vielmehr die Inversion darstellte, die mit den
künstlerischen Verfahren der Rasterung, der Aus- und Aufzeichnung von
Räumen erzielt werden. Von der planimetrischen Karte, der Einfaltung des
dreidimensionalen Raums in die eindimensionale Karte gehen diese
künstlerischen Arbeiten den umgekehrten Weg, kommen zur umgekehrten
Praxis: die Bodengrundfläche wird in den dreidimensionalen Raum
entfaltet. SUSANNE LEEB (Berlin) hingegen hat künstlerische Praxen
vorgestellt, die Karten selbst in die bildkünstlerische Arbeit
integriert haben. Wie Karten als Instrument der Machtpolitik subversiv
auf ihre territoriale Inbesitznahme – oder im Falle der Migration: des
permanenten Raumentzugs – hin kritisch hinterfragt werden können, das
führte Leeb mit Arbeiten von Dierk Schmidt vor. Auch hier wurde ex
negativo oder inversiv das Utopische und das Imaginäre der Karten in der
Verfehlung oder Verkehrung der kartographischen Fähigkeiten erkennbar.

TIMM STARL (Wien) hat die Fotogeschichte nach allen möglichen Bezügen
zwischen Fotografie und Kartographie durchschritten, Photos in
Landkarten, Karten in Photomontagen und Postkartenbildern aufgezeigt,
wobei touristische Unternehmungen als eine analoge Vorversion von
Geocaching erkennbar wurden. Luftbildaufnahmen als
Landvermessungsinstrumente kamen ebenso vor wie nachbearbeitete Photos
als Karten. Dies warf die vom Referenten unbearbeitete Frage nach der
Definition von Karte und der theoretischen Fassung von diesen Hybriden
auf. Dies wurde dann insbesondere relevant für die von MANUEL SCHRAMM
(Chemnitz) präsentierten technischen Innovationen in der digitalen
Kartographie und den ersten Geographical Information Systems (GIS). Er
behandelte technische Entwicklungen in der Kartographie, wie z.B. die
Technik des layering zur Kartenerstellung, brachte den Aspekt der
praktischen Operationalität und der Reversibilität sowie die
Abrufbarkeit von verschiedensten geografische Informationen in einer
digitalen Karte zur Sprache, ohne all die Aspekte zu theoretisieren.
LARS NOWAK (Trier), Mitorganisator der Tagung, hat im letzten Beitrag
der Tagung auf viele andere Vorträge Bezug genommen. Aus seinem zunächst
sehr spezialisiert erscheinendem Filmkorpus arbeitete er jedoch aus der
Konkretion die allgemeinen Probleme und Fragestellungen der Thematik
und damit der Tagung insgesamt heraus. So war ein Gesichtspunkt die
Positionierung der Karten zwischen Bild und Diagramm, die anhand der
Ästhetik der im Film verwandten Karten entschieden wurde. Ein anderer
Gesichtspunkt war der instrumentelle politische Gebrauch von Karten,
dabei insbesondere das zum Verschwindenbringen oder die
Überblendung/Überlagerung der ethnischen Minderheit zeigend. Dass das
Kartenwesen militärischen Ursprungs ist, ist am Subgenre des
Kriegsfilms, der world war II combat -Filme von Ende der 1940er-Jahre so
exemplarisch wie die neoimperialistische Aneignung des Pazifik-Atolls
durch die USA in den späten 1940er-Jahren in den Atomtestfilmen.

UTE SCHNEIDER (Duisburg-Essen) hat das Afrikakartenwerk, das im Rahmen
des Projektes der Weltkarte entstanden ist, untersucht und den
(post-)kolonialistischen Impact in diesem Unternehmen sehr klar
herausgestellt. Das Afrikakartenwerk, das von der Deutschen
Forschungsgemeinschaft (DFG) als Forschungsgroßprojekt gefördert wurde,
wurde 1963 begonnen und ging von der ehemaligen kolonialen Aufteilung
Afrikas aus und hantierte mit deren Fremdheitszuschreibung bzw. der
Herabsetzung Afrikas gegenüber der westlich-europäischen
fortschrittlichen Zivilisation. Dies wurde über den Diskurs der
Entwicklungsgeschichte fortgeschrieben und 1989 scheiternd beendet.

Raumtheoretiker/-innen sind in vielen Disziplinen zu Hause. Dass sie
sich auf hohem Niveau verständigen können, auch wenn sie aus
unterschiedlichen Disziplinen kommen und unterschiedliche Zugangsweisen
haben, das zeigte die Tagung KartenWissen auf das Beste. Besonders
bemerkenswert war dabei das durchgängig hohe Niveau der Vorträge und des
sich daran anschließenden Dialogs. Die Zusammensetzung der Vortragenden
war nicht nur interdisziplinär und international, sie war auch
hinsichtlich des Bekanntheitsgrades und der wissenschaftlichen
Arriviertheit, des Alters der Vortragenden gut durchmischt. Man könnte
sagen, sie war nicht nur interdisziplinär und international, sie war
auch intergenerationell und zwischen den akademischen Statusgruppen.
Eine internationale Fortführung des Dialogs ist mit der Tagung “Einen
Metapher wie alle anderen? ‘Mapping’ und Kartographie in der Literatur
und den Kulturwissenschaften” in Limoges im November 2010 zu erwarten.
Abstracts zu den Vorträgen sowie Audio- und Videomitschnitte finden sich
auf der Homepage des HKFZ[3].

Konferenzübersicht:

Stephan Günzel (Trier): Das Medium Karte zwischen Bild und Diagramm

Franco Farinelli (Bologna): MapKnowledge – the Territory, the Space, the
Copy

Alfred Stückelberger (Bern): Erfassung und Darstellung des
geographischen Raumes bei Ptolemaios

Gyula Pápay (Rostock): Historische und theoretische Reflexionen der
Beziehungen der Karte zum Bild und Diagramm

Juliane Howitz (Berlin): Entgrenzung, Entordnung, Entortung.
Kartographische Darstellbarkeit frühneuzeitlichen Himmelswissens

Martin Uhrmacher (Luxemburg): Der Pyrenäenfrieden von 1659 und seine
Umsetzung im Spiegel der historischen Kartographie. Zur Analyse der
Darstellung komplexer dynamischer Prozesse im Raum

Antonia von Schöning (Basel): Kartenwissen und Kanalisation

Georg Schelbert (Trier): Plan und Bild. Die Rompläne des 16. bis 18.
Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen Karte und Architekturvedute

Andrea Sick (Bremen): Auszeichnen und Aufzeichnen von Räumen. Zum
Vergleich zweier künstlerischer Verfahren

Susanne Leeb (Berlin): Die Utopie der Karte und der Un-Ort der Kunst

Anna-Dorothee von den Brincken (Köln): Die Rahmung der ‘Welt’ auf
mittelalterlichen Karten

Ute Schneider (Duisburg-Essen): Das Afrikakartenwerk

Timm Starl (Wien): Photographie und Kartographie. Zum Verhältnis zweier
Bildmedien

Manuel Schramm (Chemnitz): Kartenwissen und digitale Kartographie

Lars Nowak (Trier): Washington im Pazifik. Karten in den
popularisierenden Atomtestfilmen der US-Regierung

Anmerkungen:
[1] Vgl. Gyula Pápay, Kartographie. In: Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.),
Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden, Frankfurt am Main 2005,
S.281-295. Gyula Pápay, Kartographie. In: Stephan Günzel (Hrsg.),
Raumwissenschaften, Frankfurt am Main 2009, S.175-191.
[2] Alfred Stückelberger u.a. (Hrsg.), Klaudius Ptolemaios, Handbuch
der Geographie. Basel 2006/2009.
[3]

(29.07.2010).

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ConfReport: Metropolenkultur im Transfer. Orte – Inszenierungen – Netzwerke 1880-1930 (German)

Institut für vergleichende Städtegeschichte, Universität Münster;
Kuratorium für vergleichende Städtegeschichte e.V.;
Arbeitsbereich Zeitgeschichte, Freie Universität Berlin
15.03.2010-16.03.2010, Münster

Bericht von:
Johanna Niedbalski / Anna Littmann, Berlin
E-Mail: <j.niedbalski@fu-berlin.de>; <annalittmann@gmx.net>

Im Titel des diesjährigen Frühjahrskolloquiums des Instituts für
vergleichende Städtegeschichte in Münster verbanden sich zwei große
Begriffe, die ein viel versprechendes Forschungsfeld abstecken: die
Metropolen und ihre Kultur. Die Transformationsprozesse der Jahrzehnte
um 1900 ließen durch Industrialisierung und Verstädterung urbane
Ballungsräume neuer Qualität entstehen. Ein zentrales Element dieser
Veränderungen waren, so die der Konferenz zugrunde liegende Annahme, die
Entstehung und Ausdifferenzierung einer neuen, spezifisch
großstädtischen Vergnügungskultur. Diese metropolitanen Kulturformen -
beispielsweise Theater, Zirkus, Panorama, Festumzug, Kino oder Kneipe -
standen im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen der Tagung. In den
Sektionen "Orte", "Medien" und "Netzwerke" wurde diskutiert, wie sich
die Metropolenkultur in der Formierungsphase der Moderne herausbildete,
inwiefern sie sich von früheren Formen des städtischen Vergnügens
unterschied und welche spezifischen Ausdrucksformen sie im Kontext der
Metropolen um 1900 annehmen konnte.

In seiner Keynote erinnerte KASPAR MAASE (Tübingen) zunächst an eine
Kehrseite der Metropolenkultur: In weiten Kreisen - vor allem des
Bürgertums - sei die Vergnügungskultur der Jahrhundertwende keineswegs
als Bereicherung empfunden, sondern als "Schmutz" und "Schund" und somit
als Gefahr angesehen worden. Er betonte, dass mit der Herausbildung der
großstädtischen Vergnügungskultur eine zuvor unbekannte Fülle von Wissen
produziert worden sei. Dieses Wissen sei in den Großstädten durch
zahlreiche neue visuelle Medien jeder Bewohnerin und jedem Bewohner
jederzeit zugänglich gewesen. Zahlreiche Zeitgenossen hätten dies
allerdings als hoch problematisch eingeschätzt, da sich Kinder und
Jugendliche die neuen Vergnügungs- und Wissenskulturen, die zuvor
ausschließlich den Erwachsen zugänglich gewesen seien, eigenständig
hätten aneignen können. Die bunt schillernde und omnipräsente
"Kakophonie" der Unterhaltungskultur habe eine ständige Verlockung
dargestellt und daher - so Maase - die Sorgen von Eltern, Pädagogen,
Kirchenvertretern und staatlichen Organen geweckt. 

Die beiden folgenden Vorträge legten den Schwerpunkt auf die Orte der
metropolitanen Vergnügungskultur. TOBIAS BECKER (Berlin) fragte in
seinem Beitrag, ob Vergnügungsviertel in Metropolen um 1900 als
Heterotopien im Sinne Foucaults verstanden werden könnten. Am Beispiel
von fünf Städten aus Nordamerika, Europa und Asien und anhand von sieben
Charakteristika entwarf Becker den Idealtypus eines Vergnügungsviertels
um 1900. Vergnügungsviertel seien demnach Orte gewesen, die durch ihre
Liminalität ungewöhnliches oder von der gesellschaftlichen Norm
abweichendes Verhalten zugelassen haben. Klassengegensätze und die
Trennung der Geschlechter seien hier tendenziell aufgeweicht worden.
Theatrale und mediale Inszenierungen prägten die Viertel ebenso wie die
eindeutig kommerzielle Ausrichtung ihrer Angebote. Vergnügungsviertel
könnten - so das Resümee des Vortrags - nicht nur als Heterotopien und
Gegenorte verstanden werden. Sie leisteten auch als Begegnungsräume
einen wichtigen Beitrag zur Anpassung der Bewohnerinnen und Bewohner an
das Leben in der Großstadt. Mit diesem Abschlussgedanken bezog sich
Becker auf den Kulturwissenschaftler Gottfried Korff und dessen Konzept
der "inneren Urbanisierung".

Der Beitrag von SVEN OLIVER MÜLLER (Bielefeld) konzentrierte sich auf
Opern- und Konzerthäuser in Metropolen und auf den Wandel der
Musikrezeption und der Interaktion zwischen Publikum und Bühnengeschehen
im Laufe des 19. Jahrhunderts. Das öffentliche Leben in den Auditorien
der Musikhäuser sei zunächst auf Sichtbarkeit und Kommunikation,
Selbstinszenierung und Genuss ausgerichtet gewesen und im Gegensatz zu
heute erheblich undisziplinierter. Das schweigende Hörverhalten des
Publikums habe sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verbreitet, als
die Musikrezeption zunehmend zur Sinnstiftung und zum
Repräsentationsbedürfnis des bürgerlichen Publikums beigetragen habe.
Dieser Wandel sei - so Müller - von Deutschland ausgegangen und habe
sich zum Beispiel in Großbritannien erst mit zeitlicher Verzögerung
durchgesetzt. Eine Nationalisierung, etwa die massive Abgrenzung
"nationaler" Musikstile, sei bei diesem Prozess paradoxerweise mit einer
gleichzeitigen Europäisierung des Publikumsverhaltens und der
Musikrezeption einhergegangen.

In seinem Abendvortrag entwarf PAUL NOLTE (Berlin) ein Bild der
Metropolen um 1900 als Kristallisationspunkte der Moderne, in denen sich
gesellschaftliche und kulturelle Prozesse überlagerten und damit Orte
von besonderer Qualität schufen. Er analysierte zunächst die Bedingungen
und Voraussetzungen, die die Erfahrung und Lebenswirklichkeit der
Bewohner einer sehr großen Stadt geprägt haben. Wichtig wären vor allem
das Bevölkerungswachstum, die Verdichtung der Wohnflächen und des
Verkehrs, der zunehmende Stadt-Land-Gegensatz und die Entnaturierung der
Stadtlandschaft sowie die Kommerzialisierung und die Herausbildung der
Konsumkultur gewesen. Noch gäbe es keine griffige Definition, man könne
aber drei Merkmale als konstitutiv für die Metropolenkultur um 1900
ansehen: Sinnliche Wahrnehmung, vor allem die zahllosen visuellen sowie
auditiven Reize und Ästhetisierung der Alltagsgegenstände und der
Körper; die Re-Inszenierung der großstädtischen Erfahrungen und
Erlebniswelten auf einer weiteren Erfahrungsebene (zum Beispiel in
Weltausstellungen) sowie die mit der Metropolenkultur einhergehende
Entgrenzung der sozialen Ordnung. Viele Aspekte müssten derzeit noch als
Forschungsdesiderate angesehen werden. Auch dürfen über die
Beschäftigung mit der Vergnügungskultur nicht die "Gegenwelten"
vernachlässigt werden. Gegenwelten zur Metropolenkultur wären die
Arbeitswelten, die industriellen Produktionsstätten der Großstädte, die
Sphären der Politik und der kommunalen Stadtplanung, der Religion und
der Weltanschauungen. So lasse sich die Metropole um 1900 nicht allein
auf ihre Vergnügungskultur reduzieren, auch wenn diese zweifellos eine
entscheidende Erfahrungsebene ihrer Bewohnerinnen und Bewohner war.

Die zweite Sektion wurde durch einen Vortrag von HANNO HOCHMUTH und
JOHANNA NIEDBALSKI (beide Berlin) eingeleitet. Sie zeigten am Beispiel
eines kleinbürgerlich-proletarisch geprägten Stadtviertels im Berliner
Osten, wie vielfältig die lokale Vergnügungslandschaft jenseits der
bekannten innerstädtischen Vergnügungsviertel sein konnte. Die zahllosen
Kneipen, das kleine Ladenkino um die Ecke, aber auch Theater und
Konzerthäuser haben sich an die lokale Bevölkerung des unmittelbaren
Einzugsgebiets gerichtet. Für diese Angebote der Metropolenkultur
schlugen die beiden Vortragenden den Begriff des "Kiezvergnügens" vor.
Im Kiezvergnügen habe es Orte gegeben, die das gesamte soziale Spektrum
der Bewohner des Viertels repräsentierten aber auch Orte, die die
sozialen Unterschiede abbildeten und reproduzierten. Während im
Kiezvergnügen also sowohl soziale Inklusion über Klassen- und
Geschlechtergrenzen hinweg als auch klare Segregation erkennbar gewesen
seien, beschäftigte sich MATTHIAS WARSTAT (Erlangen-Nürnberg) mit einer
Kultur, die sich eindeutig einem bestimmten sozialen Milieu zuordnen
lässt: der Kultur der Arbeiterbewegung. Warstat zeigte, dass sich auch
die Feste der Arbeiterbewegung in den Metropolen nach 1900 stark
gewandelt haben. Die früheren Arbeiterbewegungsfeste haben sich dabei in
metropolitane Massenveranstaltung transformiert. Dieser Wandel sei in
Anlehnung an und in Konkurrenz zur kommerziellen Vergnügungskultur
erfolgt, aber auch unter dem Einfluss der Theateravantgarde.
Insbesondere seit 1918 haben die Feste der Arbeiterbewegung zunehmend
performative Darbietungen und Vergnügungen integriert. Mit Josette
Férals Theatralitätsdefinition, die auf die Metapher der "Passage"
rekurriert, erläuterte Warstat, dass die neuen Feierpraktiken somit in
Ansätzen einen Übergang zwischen den starren Grenzen der Milieus
ermöglicht haben. 

Der dritte Vortrag der Tagungssektion "Inszenierungen" konzentrierte
sich auf die rein kommerziellen Vergnügungsorte der Zirkusse, Panoptiken
und Varietés. SYLKE KIRSCHNICK (Potsdam) zeigte anhand zahlreicher
Beispiele, mit welchen Strategien zum Beispiel Zirkusbetreiber ihre
Angebote als "Schauläden der Großstadt" inszenierten, bei denen die
Anschaulichkeit und der Schauwert der einzelnen Attraktionen im
Vordergrund gestanden haben. Da die Aussicht auf einen kommerziellen
Erfolg hier das wichtigste Kriterium für die Gestaltung der Vorführungen
gewesen sei, wurden Publikumswünsche, aber auch aktuelle Ereignisse in
die Darbietungen eingewoben. Anhand des Beispiels der populäreren
Zirkusvorstellungen lässt sich die bereits im Vortrag von Paul Nolte
angesprochene Ebene der Verarbeitung großstädtischer Erfahrungen in der
Metropolenkultur nachvollziehen.

In der abschließenden Sektion standen transnationale Netzwerke der
metropolitanen Kultur im Vordergrund. PETER W. MARX (Bern) beschäftigte
sich mit Transferprozessen und Vernetzungen zwischen den Theaterstars
der europäischen Metropolen sowie mit Adaptionen von Schauspielsstilen,
Rollenstereotypen oder Repertoires. Am Beispiel der Schauspielerin Jenny
Groß, die um 1900 am Berliner Lessingtheater wirkte, machte Marx
deutlich, wie die Modeindustrie den "Dernier Cri" durch das Medium des
Theaters von der Bühne in die Großstadt vermittelt habe. In der Person
Jenny Groß vereinten sich aber auch zahlreiche Ambivalenzen und
Schattenseiten eines Lebens als internationaler Star: Das Ringen um
Selbständigkeit bzw. Emanzipation sei häufig als Gier diffamiert worden
und konnte sich durchaus in das Gegenteil verwandeln und in Abhängigkeit
(bis hin zur Prostitution) führen. Dies habe auf Jenny Groß in
besonderer Weise zugetroffen, da sie als Frau und als Jüdin zahlreichen
Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei. Ihre Emanzipation konnte nur
innerhalb der Logik der Metropolenkultur erfolgen: Der Körper der
Schauspielerin sei zur Ware auf der Bühne, zum lebenden Modejournal
geworden. Die Inszenierungen der Bühnenschauspielerin haben sich mit
ihrem strategisch inszenierten Privatleben vermischt. 

KERSTIN LANGE (Leipzig) untersuchte in ihrem Vortrag den Transfer des
argentinischen Tango in die europäischen Metropolen, die Reaktionen der
professionellen Tanzlehrer und die Praktiken, die sie im Umgang mit der
Herausforderung des "fremden" Tanzes entwickelten. Während Tanzlehrer
zuvor als moralische und physische Erzieher fungiert haben, die die
nationale Kultur in die Körper ihrer zumeist bürgerlichen Schüler
eingeschrieben haben, sahen sie sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts
einer Fülle neuer und "fremder" Einflüsse ausgesetzt. Zuvor ungewohnte
Körperpraktiken, veränderte Sehgewohntheiten und akustische und
musikalische Neuerungen haben die bisher eurozentrisch geprägten
Tanzgewohnheiten in den Metropolen verändert. Eine regelrechte
"Tango-Manie" habe sich ausgebreitet. Auf diese Veränderungen sei
seitens der Tanzlehrer in Paris und Berlin unterschiedlich reagiert
worden. Während in Paris der Tango aufgenommen und durch gezielte
Veränderungen der Choreographie "französisiert" worden sei, haben ihn
die Tanzlehrer in Berlin als Unterschichtentanz zunächst grundsätzlich
abgelehnt. Die neuen Tänze seien hier als Bedrohung einer nationalen
Tanzkultur empfunden und die zunehmende Transnationalität der
metropolitanen Kultur - und hier lässt sich ein Bogen zum Vortrag von
Kaspar Maase spannen - als Gefahr und nicht als Bereicherung
wahrgenommen worden. 

In seinem Schlusskommentar beschrieb HABBO KNOCH (Celle) die Populär-
und Metropolenkultur als Schmelztiegel, der geprägt war von permanenter
Innovation - der Vermischung und (Neu)-Erfindung von Stilen, Gattungen
und Räumen des Vergnügens. Anhand von zehn Punkten fasste er
Gemeinsamkeiten der in den Vorträgen geschilderten Phänomene zusammen,
zeigte aber auch Brüche und Spannungsfelder auf und konstatierte
Forschungslücken. Die Metropolenkultur als Herausforderung der
bestehenden normativen Ordnung, das Spannungsfeld zwischen Auflösung und
Fortbestand der sozialen Segregation, die Rolle der Metropolenkultur bei
der Entstehung der modernen Dienstleistungs- und Konsumgesellschaft und
die Erzeugung von illusionären Welten in der Kultur der Metropolen haben
in den Vorträgen immer wieder eine Rolle gespielt. Andere Aspekte
hingegen müssten noch stärker beleuchtet werden, zum Beispiel stehe eine
sorgfältige Periodisierung der Metropolenkultur noch aus. Auch mahnte
Knoch, dass eine stärkere Berücksichtigung der Akteure und Rezipienten
der Metropolenkultur erfolgen müsse und der Imperialismus, die
Globalisierung und die Nationalisierung noch intensiver in den Blick
genommen werden sollten. 

Auch in der Abschlussdiskussion zeichnete sich ab, was anfangs bereits
angedeutet wurde: Die beiden Begriffe "Metropole" und "Kultur" zu
definieren, geschweige denn ihren Zusammenhang umfassend zu klären,
konnte auch diese anderthalbtägige Konferenz nicht endgültig leisten.
Sowohl die Vorträge als auch die Diskussionen zeigten aber, dass die
Metropolenkultur der "langen Jahrhundertwende" zahlreiche
herausfordernde - und nicht zuletzt vergnügliche - Forschungsfelder und
Forschungsfragen bereithält, die längst noch nicht erschöpfend
bearbeitet und beantwortet sind.

Konferenzübersicht:

I. Einführung
Moderation: Werner Freitag (Münster)

Paul Nolte (Berlin): Einführung in das Thema

Kaspar Maase (Tübingen): "Quellen öffentlicher Sinnenerregung und
Geistesverwirrung". Metropolenkultur und Sichtbarkeit des Wissens vor
dem Ersten Weltkrieg

II. Orte
Moderation: Armin Owzar (San Diego/Münster)

Tobias Becker (Berlin): Das Vergnügungsviertel. Heterotopischer Ort in
der Metropole?

Sven Oliver Müller (Bielefeld): Das Publikum als Metropole. Das
Musikleben in Berlin, London und Wien im 19. Jahrhundert

Paul Nolte (Berlin): Die Modernität der Metropole. Internationale
Aufbrüche um 1900

III. Inszenierungen
Moderation: Martin Baumeister (München)

Hanno Hochmuth, Johanna Niedbalski (beide Berlin): Kiezvergnügen in der
Metropole. Zur sozialen Topographie des Vergnügens im Berliner Osten

Matthias Warstat (Erlangen-Nürnberg): Milieu und Metropole. Theatrale
Passagen der deutschen Arbeiterbewegung nach 1900

Sylke Kirschnick (Potsdam): Schauläden der Großstadt. Über Zirkus,
Panoptikum und Varieté 

IV. Netzwerke
Moderation: Thomas Großbölting (Münster)

Peter W. Marx (Bern): Als Großkapitalistin im Bühnenreich. Die
Schauspielerin Jenny Groß und der Starkult im Wechselspiel der
Metropolen

Kerstin Lange (Leipzig): "Les danses nouvelles" in der alten Welt.
Akteure in Paris und Berlin vor neuen Herausforderungen

Habbo Knoch (Celle): Schlusskommentar

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ConfReport: The Economy of Urban Diversity, 13. – 15.01.2011, Essen

Working group “Economy” der Global Young Faculty
13.01.2011-15.01.2011, Essen

Report by:David Passig, Historisches Institut der Universität Duisburg-Essen
E-Mail: david.passig@gmx.de

“The economy of urban diversity” – this was the main topic dealt with by
an international symposium in Essen from January 13th to 15th, 2011. It
was arranged by the members of the working group “Economy” of the
“Global Young Faculty”, an interdisciplinary research group promoted by
the Stiftung Mercator, in collaboration with the Institute for Advanced
Study in the Humanities, Essen (KWI). Continue reading ConfReport: The Economy of Urban Diversity, 13. – 15.01.2011, Essen

Conference Report: Modern Times – Zeiten der Stadt (German)

Beate Binder, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität
zu Berlin; Sabine Fastert, Institut für Geschichte und Kunstgeschichte,
Technische Universität Berlin; Volker Hess, Institut für Geschichte der
Medizin, Charité Berlin
25.02.2010-27.02.2010, Berlin

Bericht von:
Hanno Hochmuth, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
E-Mail: <hochmuth@zedat.fu-berlin.de>

Kulturen des Wahnsinns bilden das Erkenntnisinteresse der gleichnamigen
interdisziplinären DFG-Forschergruppe 1120 aus Berlin. Dabei geht es den
beteiligten Sozial- und Kulturwissenschaftler/innen sowie Kunst- und
Medizinhistoriker/innen weniger um klinische Phänomene als vielmehr um
Schwellenräume, in denen sich das moderne Verständnis von Wahnsinn in
seinen diskursiven, institutionellen und medialen Dimensionen
entfaltete. Dieser Prozess, so die Grundannahme der Forschergruppe, war
konstitutiv für die Entwicklung der modernen Großstadt zwischen 1870 und
1930. Für ihren ersten Workshop luden sie daher Ethnologen und
Ethnologinnen, Kultur- und Medienwissenschaftler/innen,
Kunsthistoriker/innen und Historiker/innen ein, um mit ihnen über die
modernen Zeiten der Stadt und Schwellenphänomene des Wahnsinns zu
diskutieren.

Im ersten Panel ging es um populäre Vergnügungsformen und um
Kontrollversuche zu deren Einhegung, die uns heute mitunter selbst als
hegemonialer Wahn erscheinen. KASPAR MAASE (Tübingen) demonstrierte,
dass die bildungsbürgerlichen Kampagnen gegen Schmutz und Schund vor
allem Kämpfe gegen die öffentliche Sichtbarkeit “disziplinlosen Wissens”
waren. Die Schreckfigur vieler Pädagogen und Reformer waren daher Kinder
vor Schaufenstern mit “gefährlichen” Auslagen. Ähnliches galt auch für
Frauen im Kino, wie SUSANNE BUSINGER (Zürich) in ihrem Paper zu den
Kinematographen und Animierbars der katholisch-konservativen Kleinstadt
Luzern beschrieb, in der sie vergleichbare Ängste und
geschlechterspezifische Zuschreibungen ausmachen konnte wie in der
zeitgenössischen Großstadt. EVA KRIVANEC (Wien) fragte nach der
Populärkultur im Ersten Weltkrieg und zeigte, dass trotz neuer
Zeitstrukturen die Vielfalt der populären Vergnügungen im Prinzip
erhalten blieb. Während der Krieg auf den Bühnen von Paris, Berlin und
Wien zunächst noch stark thematisiert wurde, überwogen bald jedoch die
Frei-Zeiten vom Krieg in Gestalt eskapistischer Operetten.

Fragen der Sichtbarkeit bildeten die Klammer des zweiten Panels. NINA
SCHLEIF (München) und CHRISTOF WINDGÄTTER (Wien/Berlin) unterzogen das
Schaufenster einer medien- und kunsthistorischen Reflexion. Es habe
sowohl zu einer Stabilisierung als auch zu einer Destabilisierung des
modernen Subjekts geführt. Den Wahnsinn im Spiegel des Schaufensters
illustrierten sie schließlich mit Bildern aus Fritz Langs “M – Eine
Stadt sucht einen Mörder”. BARBARA KNORPP (London) untersuchte in ihrem
Paper ethnologische Museen um 1900 und fokussierte auf
Ausstellungsweisen und die Reaktionen der Betrachter. Hier ließen sich
Parallelen zwischen den Schaufenstern und den Museumsvitrinen ausmachen.
Beide Medien de-kontextualisierten und kaschierten zudem aber auch
Aspekte der Ausbeutung durch Kapitalismus und Kolonialismus, wie SOPHIA
KÖNEMANN (Berlin) in ihrem Kommentar kritisch ergänzte.

Das dritte Panel beschäftigte sich mit Kontinuitäten und Brüchen
bürgerlicher Großstadtkritik. AVI SHARMA (Chicago) beschrieb am Beispiel
der Licht-Luft-Bäder und der Lebensreformer im Wilhelminischen
Deutschland zwei produktive Reaktionen auf den Topos der degenerierten
Großstadt. Dabei betonte er wie zuvor schon Kaspar Maase, dass die
Reformbewegung keineswegs mit einer kulturpessimistischen Modernekritik
gleichzusetzen sei, bis der Erste Weltkrieg hier einen entscheidenden
Bruch bewirkt habe. Dagegen spannte STEFFEN KRÄMER (München) einen
großen Bogen von den frühen psychiatrischen Entartungstheorien Bénédict
Augustin Morels aus dem Jahre 1857 über Oswald Spengler und Alfred
Rosenberg bis hin zu den Vordenkern der aufgelockerten Stadt nach dem
Zweiten Weltkrieg. Allen habe die dramatische Wohnsituation in den
europäischen Großstädten zu Zeiten der Hochurbanisierung als Hintergrund
für ihre Entartungstheorien gedient. In der Diskussion wurde jedoch
angemahnt, dass der Begriff der Entartung durchaus einem historischen
Wandel unterlag und dass es entscheidend darauf ankomme, den Zeitpunkt
seiner Biologisierung zu bestimmen.

Die Vortragenden des vierten Panels befassten sich im weitesten Sinne
mit Prozessen der Modernisierung und Rationalisierung. DANIEL MORAT
(Berlin) fragte nach den Klanglandschaften der modernen Großstadt und
untersuchte zeitgenössische Reaktionen auf die Technisierung des
Auditiven. In Anschluss an Walter Benjamin und Georg Simmel skizzierte
er zwei gegensätzliche Bedeutungen akustischer “Innervation” um 1900:
zum einen den krankmachenden Lärm, zum anderen den abhärtenden und
mitunter stimulierenden Lärm der Großstadt. Im Paper von JOANNA KUSIAK
(Warschau) rückten die Säulenheiligen der Metropolenforschung sodann in
den Mittelpunkt des Interesses. In kulturwissenschaftlicher Exegese
kontrastierte sie Benjamins Betrachtungen des kollektiven Wahnsinns in
der Moderne mit Max Webers Rationalisierungstheorie einer entzauberten
Welt. Um die genaue stadträumliche Verortung einer wegweisenden
kulturellen Modernisierung bemühte sich dagegen DEBBIE LEWER (Glasgow)
in ihrem Paper über die Anfänge des Dadaismus in der “schizoiden Stadt”
Zürich.

Im Mittelpunkt des letzten Panels stand die Verbindung von Fotografie
und Großstadt als “Labor der Moderne”. ANJA HERRMANN (Berlin) beschrieb
am Beispiel der außergewöhnlichen fotografischen Selbstinszenierung der
Gräfin von Castiglione eine kurze Frühphase des künstlerischen
Experimentierens mit Darstellungsformen und Geschlechterrollen, bevor
die Portraitfotografie in Konventionen erstarrte. Mit der Repräsentation
des sozial Anderen in der Fotografie und im Film beschäftigte sich
ELISABETH FRITZ (Granz/Wien). Dabei ging es ihr vor allem um die
jeweiligen Authentifizierungsstrategien, die von den Bildproduzenten
gewählt wurden, um ihren Reisen durch die großstädtischen
Elendsquartiere den Anschein des Wahrhaftigen zu verleihen. BURCU
DOGRAMACI (München) stellte schließlich drei Fotobildbände vor, die das
Bild der Großstädte Paris, Berlin und New York in den 1920er- und
1930er-Jahren prägten.

Die inhaltliche und methodische Heterogenität des Workshops eröffnete
einige neue Perspektiven auf die Heterotopien der modernen Großstadt um
1900, etwa auf das Schaufenster als Schwellenraum. Bemerkenswert waren
zudem die differenzierenden Befunde zur zeitgenössischen
Großstadtkritik. Dagegen blieben die sozialen Topologien der Stadt etwas
unterreflektiert. Das lag auch daran, dass die historischen Akteure
häufig nicht ernst genommen wurden, was vor allem für die
Erfahrungsdimensionen und die agency der einfachen Zeitgenossen gilt.
Stattdessen drehte sich die Diskussion oft um Fragen der Repräsentation
und um “verrückte Evidenzen”, die einzig Aussagen über die bürgerlichen
Beobachter zuließen. Doch nicht nur sozialräumliche Topographien
innerhalb der jeweiligen Großstädte kamen zu kurz, auch die Unterschiede
und Transfers zwischen den einzelnen Metropolen wurden kaum
thematisiert. Es blieb meist bei kursorischen Stadtbeispielen, die nicht
näher zueinander ins Verhältnis gesetzt wurden. Der “Eigenlogik der
Städte” (Martina Löw) wurde der Workshop somit nur selten gerecht.

Offen blieb schließlich auch die Frage nach dem Wahnsinn, der zumeist
eher assoziativ verwendet wurde und in einigen Vorträgen gar nicht
vorkam. ARMIN SCHÄFER (Berlin) räumte als Mitglied der Forschergruppe
selbst ein, das der Begriff eine unbestimmte Semantik habe. Dem Wahnsinn
fehle der semantische Kern. Vielleicht lag es aber auch an der recht
breiten Fragestellung des Calls und am unspezifischen Titel des
Workshops, dass der Wahnsinn als großstädtisches Schwellenphänomen
letztlich kaum Konturen annahm. Die Schwierigkeit, den Wahnsinn
analytisch zu fassen, ist jedoch für sich schon ein beachtenswertes
Ergebnis, das gut zu dem experimentellen Werkstattcharakter des
leseintensiven und diskussionsfreudigen Workshops passt.

Konferenzübersicht:

Beate Binder, Sabine Fastert, Volker Hess (Berlin): Begrüßung /
Einführung

Kaspar Maase (Tübingen): “Disziplinlosigkeit des Wissens”. Verwirrende
Wahrnehmungen der Stadträume um 1900.

Eva Krivanec (Wien): Frei/Zeiten des Kriegs. Urbane Vergnügungen im
Ersten Weltkrieg.

Susanne Businger (Zürich): “Die Verführung lauert an allen Ecken und
Enden.” Kinematographen und Bars mit ‘Champagnerboxen’ als neue
städtische Begegnungsräume und geschlechtsspezifische Zuschreibungen um
1900 in Luzern.

Gabriele Dietze (Berlin): Kommentar und Diskussion

Nina Schleif (München) / Christof Windgätter (Wien/Berlin): Vor dem
Schaufenster. Von Wahn und Sinnen des modernen Subjekts.

Barbara Knorpp (London):’Natur’ und ‘Kultur’ hinter Glas.

Sophia Könemann (Berlin): Kommentar und Diskussion

Avi Sharma (Chicago): Degenerate City: Public Health and Popular Reform
in Wilhelmine Germany.

Steffen Krämer (München): Entartung und Urbanität. Die europäischen
Entartungstheorien ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und ihre Kritik an
der modernen Großstadt.

Eric Engstrom (Berlin): Kommentar und Diskussion

Daniel Morat (Berlin): “Automobile gehen über mich hin.” Urbane
Dispositive akustischer Innervation um 1900.

Joanna Kusiak (Warszawa): Metropole und Traum – materielle Betrachtung
des kollektiven Wahnsinns.

Debbie Lewer (Glasgow): Dadas Schauplätze und die ‘schizoide Stadt’
Zürich.

Thomas Beddies/Armin Schäfer (Berlin): Kommentar und Diskussion

Anja Herrmann (Berlin): Chez le photographe. Vom Verwirrspiel im
Fotostudio.

Elisabeth Fritz (Graz/Wien): Die dunkle Seite der Stadt. Authentische
Erfahrung und Erfahrung des Authentischen bei der Präsentation sozial
Anderer in Fotografie und Film (1880-1935).

Burcu Dogramaci (München): Metropolen im Buch – Großstadtfotografie in
den zwanziger und dreißiger Jahren.

Dorothea Dornhof (Berlin): Kommentar und Diskussion

Beate Binder, Sabine Fastert, Volker Hess (Berlin): Abschlussdiskussion
/ Fazit

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